Wer weniger sucht, findet mehr

„Wohl bin ich alt“, sprach Govinda, „zu suchen aber habe ich nicht aufgehört. Nie werde ich aufhören zu suchen, dies scheint meine Bestimmung. Auch du, so scheint es mir, hast gesucht. Willst du mir ein Wort sagen, Verehrter?“

Sprach Siddhartha: „Was sollte ich dir, Ehrwürdiger, wohl zu sagen haben? Vielleich das, daß du allzuviel suchst? Daß du vor Suchen nicht zum Finden kommst?“

„Wie denn?“ fragte Govinda.

„Wenn jemand sucht“, sagte Siddhartha, „dann geschieht es leicht, daß sein Auge nur noch das Ding sieht, das er sucht, daß er nichts finden, nichts in sich einzulassen vermag, weil er nur immer an das Gesuchte denkt, weil er ein Ziel hat, weil er vom Ziel besessen ist. Suchen heißt: ein Ziel haben. Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben. Du, Ehrwürdiger, bist vielleicht in der Tat ein Sucher, denn, deinem Ziel nachstrebend, siehst du manches nicht, was nah vor deinen Augen steht.“

Quelle: Hermann Hesse, Siddhartha; Frankfurt am Main 1974

Kennen Sie den Spruch „Jemand sieht den Wald vor Bäumen nicht?“ Es ist eine der Redensarten, die wir immer wieder verwenden, ohne uns oft über die tiefere Bedeutung
bewußt zu werden. Besonders Führungskräfte und Verkäufer, die ihre Ziele erreichen wollen, verfallen leicht in den „Tunnelblick“. Sie nehmen die Gegenwart nicht mehr wahr, weil ihre Gedanken nur auf das Ziel fixiert sind.

Die Teilnehmer in meinen Seminaren trainieren, sich davon zu befreien. Sie streben an, ihr Ziel lediglich im „Hinterkopf“ zu haben. Dadurch sind sie frei und unvoreingenommen für das Hier und Jetzt. Sie beschäftigen sich lieber mit ihren Gesprächs-Partnern, um auf deren (Körper)Sprache situativ eingehen zu können. Auf diese Weise gelingt es ihnen, die „richtigen“ Fragen zu stellen und ihre Gesprächs-Partner erfolgreich zum Ziel zu führen.

Zugegeben, es ist etwas schwierig, ein Ziel nicht eisern zu verfolgen, sondern sozusagen en passant zu sehen, was passiert. Wer es versucht, wird jedenfalls reichlich belohnt, und er erfährt, was Sie ebenfalls als Redensart kennen: „Der Weg ist das Ziel!“


Für die Inhalte dieses Artikels ist nicht top-experten.com, sondern Manfred Flügge verantwortlich.

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